Finanzen, 27.09.2008

Der Begriff der Zillmerung stammt aus der Versicherungsmathematik und findet sich im Netz unter anderem auch in Form eines sehr ausführlichen Wikipedia-Artikels erläutert. Er leitet sich ab vom Mathematiker namens August Zillmer (1831–1893). Der genannte Wikipedia-Artikel ist aber leider ein fürchterliches Finanzmathematiker-Kauderwelsch und für Normalsterbliche kaum nachvollziehbar, daher hier eine Erläuterung in Kurzform, die Otto Normalverbraucher auch nachvollziehen kann:

Zillmerung ist eine Erfindung der Versicherungswirtschaft, den Kunden ideal innerhalb der ersten Jahre eines Vertrages ausnehmen zu können, unabhängig davon, wie lange der Vertrag anschließend noch fortgeführt wird.

Mit anderen Worten: für den Abschluss eines Versicherungsvertrages über einen Vertreter oder Makler kassiert dieser eine Provision (was ja durchaus legitim ist, immerhin hat derjenige zuvor ja eine mehr oder minder ausführliche Beratungsleistung erbracht, die im Idealfall auch tatsächlich eine Vergütung verdient), und diese Provision zahlt letztendlich natürlich der gewonnene Neukunde selbst. Üblicherweise errechnet sich die Höhe der Provision aus der Summe der vom Kunden über die voraussichtliche (geplante) Laufzeit des Vertrags geleisteten Einzahlungen. Bei einem günstigen (!sic!) Riestervertrag (beispielsweise ein Fondssparplan) beträgt die Höhe der Abschlussprovision sage und schreibe 5,5 Prozent (!!!) der Gesamtsumme der Einzahlungen des Riestersparers.

Das klingt zunächst nicht dramatisch, wäre es auch nicht, wenn denn diese Provision von jedem monatlichen Beitrag abgezwackt würde, also beispielsweise 35 Jahre lang immer nur diese paar Prozent. Blöderweise weiß die Versicherungsbranche aber sehr genau, dass der Großteil (weit mehr als 50%) aller langfristigen kapitalbildenden Verträge (Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Riesterdreck etc.) innerhalb der ersten zehn Jahre auf Eis gelegt werden (also keine weiteren Beitragszahlungen mehr erfolgen), oft sogar komplett gekündigt werden - der arme, arme Verkäufer bekommt also nur den Bruchteil “seiner” Provision, wenn diese über die gesamte Vertragslaufzeit verteilt einkassiert wird.

Über das Zillmern der Provision ergibt sich nun die - aus Vertretersicht zumindest - dankbare Situation, daß man kurzerhand die gesamte Provision auf Basis der geplanten Einzahlungen ermittelt und diese Summe einfach gleichmäßig auf die ersten fünf Jahre verteilt von den Einzahlungen einbehält. Sofern der Vertrag also wenigstens die ersten fünf Jahre bedient wird, bekommt der Verkäufer seine Provision in voller Höhe, und was danach weiter mit dem Vertrag passiert, interessiert nicht mehr weiter. Meine werten Leser können sich also vorstellen, dass die Motivation, einen gezillmerten Vertrag an den Mann/die Frau zu bringen, deutlich höher ist als bei einem Vertrag, der jahrzehntelang nur ein paar Bröckchen abwirft.

So weit, so gut, bis hierhin ist das ganze ja scheinbar noch nicht so schlimm, wenn ich für mein Alter vorsorgen will, dann plane ich das als vernunftbegabter Mensch mit der Kraft der Vorsehung auch in einem Rahmen, den ich auch garantiert die nächsten 35 Jahre bedienen kann, insofern sollte das doch ein Nullsummenspiel sein. Pustekuchen! Denn bei langfristig ausgelegten Vorsorgeverträgen spielt die Macht des Zinseszins eine sehr gewichtige Rolle, und diese leicht nachweisbare Regel belegt, dass gerade die ersten Einzahlungsjahre die fettesten Zinserträge abwerfen - umso wichtiger ist es also aus Kundensicht, dass gerade diese ersten Jahre voll bedient werden.

Fakt ist aber, dass bei den gezillmerten Verträgen in diesen wichtigen ersten Jahren nur ein Bruchteil der Einzahlungen tatsächlich dem Sparvermögen zugute kommt, mithin also nur noch sehr magere Zinserträge abfallen. Ein Rechenbeispiel soll dies belegen:

Nehmen wir an, ein erwerbstätiger junger Mann schließt einen langfristigen Riestervertrag ab (gehen wir der Einfachheit halber vom klassischen Rentenvertrag aus, für fondsbasierte Verträge und Fondssparpläne gilt aber exakt das gleiche) und plant, die nächsten 35 Jahre monatlich jeweils 100,00 EUR einzuzahlen. Der Einfachheit halber verzichten wir auf Dynamiken oder einkommensabhängige Einzahlungshöhen. Faktisch werden dann also 35 Jahre x 12 Monate x 100,00 EUR = 42.000 EUR in den Vertrag einbezahlt werden.

Würde die Vertriebsprovision in Höhe von 5,5 % über die gesamte Laufzeit verteilt, würden jeweils immer exakt 94,50 EUR monatlich auf dem Guthaben landen, die Gesamthöhe der gezahlten Provision beträgt also 2.310,00 EUR. Und nun zillmern wir diese Summe, verteilen sie also auf die ersten fünf Betragsjahre.

Das bedeutet also, von den ersten fünf Jahresbeiträgen gehen insgesamt 2.310,00 EUR / 5 Jahre = 462,00 EUR / Jahr an Provision den Bach runter - mithin fließen also nur noch 1.200,00 EUR - 462,00 EUR = 738,00 EUR ins Guthaben ein. Erst ab dem sechsten Jahr werden die vollen 1.200 EUR eingezahlt.

Selbst wenn also die vollen 35 Jahre durchgehalten werden, hat der Kunde des gezillmerten Vertrags das Nachsehen, da nun der Zinseszinseffekt zum Tragen kommt:
Ausgehend von einem durchschnittlichen Ertragszinssatz von 6,0 % p.a. ergibt sich folgende Rechnung: die Beiträge des ersten Vertragsjahrs werden 35 Jahre lang mit je 6% verzinst, die des zweiten 34 Jahre lang, die des dritten 33 Jahre lang und so weiter. Unser Beispielkunde erhielte auf diese Weise nach 35 Jahren - komplett ohne Provisionsabzüge - ein Guthaben von 133.721,74 EUR raus. Bei dauernd laufendem Provisionsabzug der 5,5% wären es “nur noch” 126.750,46 EUR. Und wenn die Provision gezillmert wird, sind es regelrecht “mickrige” 118.763,75 EUR. Effektiv kostet das Zillmern der Provision in Höhe von 2.310,00 EUR unseren Kunden stattdessen sogar ganze 7.986,71 EUR.

Als Nebeneffekt der Zillmerung ergibt sich weiterhin, dass die Rückkaufswerte etwa von klassischen Renten- und Kapitallebensversicherungen in den ersten fünf Vertragsjahren quasi für die Tonne sind - kein Wunder, rund ein Drittel der ersten Beiträge geht ja für die Vertriebsprovision des Vertreters bzw. Maklers drauf. Ruft man sich nun noch in Erinnerung, dass wie weiter oben ja schon beschrieben der Großteil aller kapitalbildenden Verträge binnen 12 Jahren nicht mehr bedient oder gar gekündigt wird, so ergibt sich die Perfidie dieses Geschäftsgebahrens in ihrer vollen Bandbreite. Man zahlt in dem Fall ja faktisch Provision auf Beiträge, die nie geleistet werden, die Rendite der Anlage sackt also endgültig in den Keller. Klar, sich einen Vertrag ans Bein zu binden, den man dann irgendwann nicht mehr bedienen kann, ist auch eine Form von “tot wegen doof”, jedoch wird der deutsche Michel mit der Riester-Propaganda ja staatlich sanktioniert und gewollt in diese Abzockmaschinerie hineingetrieben.

Da soll mich noch einmal einer fragen, warum ich den ganzen Riesterdreck für eine gigantische Abzocke der breiten Masse halte…. ich hoffe, mit diesem Zahlenbeispiel zur Erleuchtung, von Riester und Co. die Finger zu lassen und stattdessen besser selbst vorzusorgen, etwas beigetragen zu haben.

PS: ich habe die Berechnungen in ausführlicher Form einmal als PDF (erstellt im Rahmen eines Vergleichs zweier Riesterprodukte der DWS) hier zum Download zur Verfügung gestellt.

Leben an sich, 24.09.2008

Ihr werdet euch sicher an den Hype in Bloggersdorf erinnern, als Gillette seinen neuen Nassrasierer namens “Gillette Fusion” auf den Markt geworfen hatte. Allerlei Hinz und Kunz fühlte sich bemüßigt, sich als virales Werkzeug missbrauchen zu lassen, rannte entweder in den nächstbesten Shop, um viel zu viel Geld für das Stückchen Plastik auszugeben, oder griff auf das Päckchen mit dem Probepack zurück, der wohl damals auch den einen oder anderen Blogger erreicht hatte…

Ich habe mich damals aus dem Hype rausgehalten, da ich absolut null Sinn darin sah, mich für einen gegenüber den Vormodellen nochmals deutlich teureren Rasierer zu entscheiden, wenn ich doch mit meinem mittlerweile asbachuralten Mach3 nach wie vor vollkommen zufrieden war - und bis heute bin.

Und offensichtlich sehen das weltweit wohl sehr viele Männer exakt genau so wie ich - und bleiben ihrem alten Mach3 treu, wiewohl auch dessen Ersatzklingen schon unverschämt teuer sind. Aber mit ihm gelingt eben halt auch schon eine perfekte Rasur ohne großes Schnittrisiko, Konkurrenz wie Wilkinson und Co. sind auch keinen Deut besser oder billiger, und ein richtiges Rasiermesser, na da muss man für geschaffen sein und für die damit verbundene Rasierzeremonie auch Zeit und Muße übrig haben.

Bei Gillette hat man offenbar genau dieses Problem der Konkurrenz aus eigenem Haus inzwischen ebenfalls bemerkt. Zumindest haben sich die Werbefuzzies für genau diese unsere Zielgruppe der Fusion-verweigernden Mach3-Nutzer einen Werbespot mit Tiger Woods und anderen Sportgrößen auf den Markt geschmissen, der uns auf Biegen und Brechen in Mama Fusions Arme treiben soll.
Ich mag mich irren, doch auf mich wirkt der Spot schon recht verzweifelt. Die Jungs (und Mädels) haben da offensichtlich die Rechnung ohne den Wirt (die eigene Kundschaft) gemacht, das alte Vormodell war offensichtlich schon perfekt genug, und nun kriegen sie das neue Hitechmonstrum nicht an den Mann gebracht. Zumindest nicht in dem Maße wie erhofft, anderenfalls müsse man nicht so verzweifelt versuchen den eigenen Marktanteil zugunsten des Nachfolgemodells zu kannibalisieren…..

Politik, 16.09.2008

Grassiert bei den Linken ein neuer Virus, der die intellektuelle Leistungsfähigkeit auf das Niveau einer Kolonie Koli-Bakterien reduziert, oder hat man Oskar Lafontaine und seiner Vorzeigekommunistin Sahra Wagenknecht einfach nur ins Hirn geschissen? Da komme ich gerade nach Hause, will entspannt die Katastrophenmeldungen Nachrichten des Tages lesen und spucke fast meinen Abendkaffee in die Tastatur, als ich lesen muss, dass sich das linke Gesocks allen Ernstes erdreistet öffentlich über die Enteignung deutscher Unternehmer bzw. der “Verfassungswidrigkeit” deutschen Unternehmertums zu “diskutieren”.

Vielleicht sollte diesem populistischen Vollhonk, seines Zeichens Ex-Finanzminister des Bundes, mal jemand verklickern, daß der überwiegende Anteil deutschen Steueraufkommens vom Mittelstand und selbständigen Unternehmern stammt - und welches Signal von solchen absurden “Ideen” an eben jene unsere Gesellschaft tragende Zielgruppe ausginge, würden diese Hirngespinste auch nur ansatzweise in die Tat umgesetzt.

Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen muss, wenn ich lesen muss wie wieder einmal ein Mitglied dieses kommunistischen Abschaums seinen Drang zu verbalem Brechdurchfall in der Öffentlichkeit nachgibt… :(

Hessen, ihr tut mir leid, wenn ihr tatsächlich bald unter der Knute einer nicht minder durchgeknallten Ministerpräsidentin stehen solltet, die mit diesen Terroristen am eigenen Volk paktiert.

Leben an sich, 11.09.2008

Heute jährt sich mal wieder das wohl einschneidenste Ereignis des frühen 21. Jahrhunderts - ich weiss, heute lest ihr wohl überall von 9/11, doch ich habe da auch meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zu…

Kompletten Post lesen »
Datensch(m)utz, 22.08.2008

Als letzte Woche die Chose mit den 19.000 Personendatensätzen samt Bankverbindung durch die Medien ging, hätte ich nicht erwartet, daß das solche Wellen schlagen würde. Denn eigentlich dachte ich immer “das weiss doch jedes Kind, daß querbeet und bundesweit personenbezogene Datensätze in großem Stil verhökert werden”.

Um so erstaunlicher stellt sich für mich der Aufschrei quer durch die Republik dar, denn eigentlich sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, daß die Abermillionen Gewinnspiele in diesem Land keinen anderen Zweck als das gezielte Sammeln von möglichst vielen Personalien haben. Wer glaubt, die Unternehmen würden einfach nur aus Jux und Dollerei Milliardenbeträge und -gegenwerte verschenken, ohne dafür in irgendeiner Form einen monetären Gegenwert zu erwarten, der muss einfach glühend naiv sein.

Zu dumm, offenbar waren bisher locker 98% der Bevölkerung so glühend naiv, anders ist das laute Gezeter quer durch alle Medienlandschaften nicht zu erklären. Doch halt, eine Idee hätte ich da noch. Der Skandal um die Personendaten und was im Zuge dessen nun ansonsten noch an Datenschmutz ausgebuddelt wird, kann hervorragend dazu genutzt werden, von anderen Problemen unseres Landes abzulenken, etwa der in Kürze bevorstehenden Bezifferung des neuen einheitlichen Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenkassen. Dummerweise reichte der EM-Hype ja nicht lange genug, und auch Olympia ist erstens in zwei Tagen zu Ende und zweitens wegen der teilweisen Zensur der Presse-Internetzugänge ja auch nicht eben ideal geeignet, den deutschen Michel von seinen finanziellen Sorgen abzulenken.

Etwas Gutes hat das Datendesaster nun aber für an Datenschutz interessierte ITler wie mich dennoch - es besteht nun zumindest kurzzeitig einmal eine Chance, Normalsterbliche für etwas mehr Sorgfalt im Umgang mit ihren persönlichen Daten zu sensibilisieren. Möglicherweise gibt nun nicht mehr schon jeder Halbdepp sein halbes Leben in irgendwelchen Preisausschreiben-Webformularen preis, sondern nur noch jeder Volldepp. Das mir und anderen sonst so gern vom dummen Vieh entgegengeschleuderte Totschlagargument “warum sollte ich nicht bei sowas mitmachen, ich hab doch nichts zu verbergen?” habe ich jedenfalls in den letzten Tagen erstaunlich selten vernommen.

Pages:  « 1 2 3 4 5 6 7 ...69 70 71 »