Es muss im Spätsommer 2005 gewesen sein, dass sich bei einem Besuch bei meinen Eltern das Gespräch in die Richtung entwickelte, warum ich so oft das Gefühl habe, von meiner Umwelt schlichtweg nicht verstanden zu werden, einfach “anders als die anderen” zu sein. Meine Mutter grub dabei eine alte Kindheitserinnerung von mir aus bzw. vervollständigte meine vage Erinnerung (ich muss so ca. 10 Jahre alt gewesen sein) um ein paar Fakten.
Damals war ich in der vierten Klasse der Grundschule, und es standen die Eignungsempfehlungen für die weiterführenden Schulformen an. Ich weiss nicht weshalb das so war, jedenfalls wurde in meiner Klasse damals in diesem Zusammenhang ein zusätzlicher Test durchgeführt, der meiner halb vergrabenen Erinnerungen zufolge damals weite Teile des Schultages in Anspruch nahm. Woran ich mich in diesem Zusammenhang noch erinnerte: meine Eltern hatten damals ein längeres Gespräch mit meiner Klassenlehrerin, und die Empfehlung lautete überaus eindeutig “Gymnasium”.
Ich erinnere mich außerdem noch, daß meine Klassenlehrerin damals sehr aus dem Häuschen war, und offenbar muss ich bei diesem ominösen Test damals weit aus dem ihr gewohnten Spektrum ausgeschert sein - was nach der Aussage meiner Mutter wohl der Anlass für jenes Gespräch gewesen ist. Ihr ahnt es wahrscheinlich längst: der Test war ein Intelligenztest, und spätestens seit dem damaligen Zeitpunkt hatten es meine Eltern deutlich vor Augen, warum ich in so mancher Hinsicht ein so kompliziertes und anstrengendes Kind gewesen bin.
Warum griff meine Mutter diese Kindheitserinnerung 2005 auf? Nun, zumindest meinen Eltern war seit nunmehr über 20 Jahren bekannt, daß ich deutlich intelligenter war als die meisten anderen. Und dankbar, darauf von meiner Klassenlehrerin hingewiesen worden zu sein, hatten sie stets alles ihnen mögliche daran gesetzt, dies weiter zu fördern. Doch niemand wußte so wirklich genau, in welchen Sphären ich mich denn wirklich bewegte, und so regte Muttern an, ich solle mich doch mal über Mensa informieren - und idealerweise gleich den regelmäßig vom Verein angebotenen Test machen (und, da sie sich in Hinsicht auf das Ergebnis schon sicher war, gleich dem Verein beitreten).
Einerseits lockte mich der mögliche Erkenntnisgewinn, andererseits zögerte ich wegen der damit möglicherweise verbundenen Konsequenzen. Wie würden meine Geschwister und meine Freunde, mein Umfeld wohl reagieren? Da ich - vollkommen gegen meine sonstige Art, wie ich betonen möchte - den Überlegungen zunächst keine Taten folgen ließ, blieb meiner Family nichts anderes übrig als mir kurzerhand einen Gutschein für den Test zu schenken. Und so ging ich im Spätsommer 2006 anläßlich des Internationalen Testtags endlich hin und machte Nägel mit Köpfen.
Das Ergebnis, auf dem Postweg rund drei Wochen später in Form des dicken Umschlags eingetrudelt, war wenig überraschend, doch nun hatte ich es endgültig und unwiderruflich schwarz auf weiß, einschließlich der beigefügten Beitrittsformulare für den Verein:
(Durchatmen, jetzt mein Coming out:) Ich bin hochbegabt.
Was bedeutet das nun? Eigentlich nichts besonderes, würde ich meinen. Ich zähle halt zufällig, durch die Gnade der Geburt, zu den intelligentesten 2% der Weltbevölkerung. An sich ist das wirklich nichts besonderes, denn ich habe dafür ja nicht wirklich eine Eigenleistung gebracht. Lediglich die Gene meiner Eltern haben sich zufällig in einer Form miteinander vermischt, daß ich halt schneller lernen kann, mehr lernen kann, Erlerntes intuitiver, schneller und effizienter anwenden kann, als 98% meiner Mitmenschen. Für die Amerikaner ist Intelligenz daher einfach eine Charaktereigenschaft wie jede andere auch. Der eine ist halt klüger, der andere wegen seiner Körpergröße dazu prädestiniert, in der NBA eine steile Karriere hinzulegen, und wiederum andere können halt einfach extrem schnell laufen oder sind von Natur aus einfach nur schön. Intelligenz ist primär keine EIgenleistung, auf die man sich irgendetwas einbilden sollte, nichts, das man aus eigener Kraft erschaffen hat.
Nichts desto trotz haben insbesondere die Deutschen - wieder einmal, muss man ja wohl sagen - ein gestörtes Verhältnis zu besonders intellligenten Menschen. Ich nehme an, daß das seine Wurzeln in unserer ausgesprochenen Neidgesellschaft hat. Wie auch immer, Fakt ist, outet man sich in diesem Land als Hochbegabter, macht man sich damit in vielen Fällen offenbar automatisch zum Außenseiter, Mitglied einer Randgruppe, wird automatisch in die Ecken “Nerd, Soziopath, Freak, arrogant” einsortiert. Die Umschreibung “Intelligenzbestie” veranschaulicht diese offenbar tief verwurzelte automatische Furcht vor unsereinem.
Ich bin also seit Oktober 2006 Mitglied des deutschen Zweigs des weltweiten Vereins Mensa, genannt “Mensa in Deutschland”, kurz MinD. Und, aus vielfach bitterer Erfahrung mit meiner Andersartigkeit aus meiner Vergangenheit, war ich mit der Auskunft über diese Mitgliedschaft lange Zeit sehr vorsichtig. Anfangs wußten es nur meine Eltern (nicht einmal meine Geschwister), nach und nach habe ich dann engste Freunde eingeweiht (glücklicherweise überwiegend mit der Reaktion “hab ich doch schon lange gewußt - wurde mal Zeit, daß du da Nägel mit Köpfen machst und dir dessen selbst bewußt wirst” - in der Wahl meiner wenigen wirklich engen Freundschaften hatte ich also anscheinend kein so schlechtes Händchen). Bis dato hatte ich erst einen Fall im weiteren Freundes- und Bekanntenkreis, der offensichtlich nicht so recht damit klar kommt; sieht man von einer jungen Dame ab, der diese Information offenbar ebenfalls mehr zu schaffen machte als sie zuzugeben bereit war, und das obwohl sie selbst eigentlich alles andere als auf den Kopf gefallen war.
Ich gehe auch heute noch nicht mit meiner Mensamitgliedschaft hausieren, allerdings gibt es mittlerweile auch ein paar enge Mitarbeiter in der Firma, die inzwischen eingeweiht sind oder von allein drauf gekommen sind, was es mit diesen ominösen Stammtischen auf sich hat, die ich seit nunmehr rund zweieinhalb Jahren regelmäßig besuche. Nun, spätestens mit diesem Post vergrößert sich der Kreis der Eingeweihten weiter, da dieses Blog ja auch regelmäßig von einigen Arbeitskollegen frequentiert wird. In meinem XING-Profil verstecke ich mich eh schon sehr lange nicht mehr, und aufmerksame Leser hätten es durch diesen Post aufgrund seines Taggings eh schon lange wissen können. Insofern ist dieser Post schon lange überfällig.
Hat sich für mich seit Erhalt des Testergebnisses etwas geändert? “Bedingt”, muss ich darauf antworten. Natürlich hat sich insofern einiges geändert, als daß ich durch die Vereinsmitgliedschaft inzwischen viele andere sehr nette Menschen kennengelernt habe, die sich mit den gleichen Problemen im Alltag herumschlagen wie ich - unter anderem dem regelmäßig auftretenden Gefühl, wahlweise unterfordert zu sein oder im Umgang mit “normalen” Menschen (das würde voraussetzen, sich selbst als Anomalie zu betrachten, was ich jedoch nicht tue!) einen Gang herunterschalten zu müssen. Durch den Umgang mit Gleichgesinnten lernt man so einige Verhaltensmuster von sich selbst zu verstehen bzw. endlich richtig einzuordnen. Ich erkenne nun vermehrt mögliche Ursachen dafür, von Mitmenschen nicht richtig verstanden zu werden, ihnen durch Gedächtnisleistung, Auffassungsgabe und schlicht durch mein Tempo manchmal regelrecht Angst zu machen. Insofern muss ich bejahen, es hat sich einiges verändert. Meine Interaktion mit meiner aufrechtgehenden Umwelt gestaltet sich nun bewusster. In gewisser Hinsicht zwinge ich mich nun vermehrt, gelegentlich einen Gang herunterzuschalten, um gewisse Irritationen schlichtweg zu vermeiden.
In zwischenmenschlicher Hinsicht, bezogen auf Familie und Freundeskreis, hat sich hingegen wenig geändert, zumindest nicht zum Negativen (sieht man von den zuvor genannten ein bis zwei Totalausfällen ab). In diesem Punkt unterscheide ich mich offenbar sogar von nicht wenigen meiner anderen hochbegabten Zeitgenossen, die anscheinend entweder ein weniger glückliches Händchen bei der Wahl ihrer Freunde getroffen hatten oder aber in der Herangehensweise ihrer Eröffnung zielsicher die Wanne voller Fett erwischt haben. In beruflicher Hinsicht haben sich keine weiteren Im- bzw. Komplikationen ergeben. Obwohl ich in Xing die MinD-Mitgliedschaft erwähne, bin ich noch nie von Geschäftspartnern darauf angesprochen worden. Und in der Firma gab es bisher lediglich ein oder zwei mal die Situation gefragt worden zu sein, was es denn mit meinen ominösen Stammtischen auf sich habe.
Warum dann dieser riesige Post? Ich will es mal so formulieren: ich hatte, nicht nur in Zusammenhang mit der Hochbegabung, in den letzten zwei Jahren einige Dinge für mich zu sortieren. Und gestern Abend fiel mir bei einem Gespräch auf, daß mein Umzug letzten Sommer für mich gleich in mehrfacher Hinsicht wichtig gewesen ist. Unter anderem habe ich diesen ja auch dazu genutzt, viele alte Zöpfe abzuschneiden und so manches Päckchen der Vergangenheit hinter mir zu lassen bzw. dem Sperrmüll zu überantworten. In gewisser Hinsicht kann man den Umzug und die Dinge, die für meine weitere Planung daran hingen und hängen, als eine Metapher darauf sehen, bestimmte Dinge für mich selbst neu zu sortieren und zu priorisieren. Und ich bin zu der Einschätzung gelangt, diesen Prozess nun weitgehend abgeschlossen zu haben. Man könnte auch sagen, ich bin “angekommen”.
In Zukunft werde ich hier nun öfter über Dinge schreiben, die im engeren oder entfernteren Sinne mit Hochbegabung assoziiert sind; vielleicht hilft es auch, seitens der “Normalen” Ressentiments Hochbegabten gegenüber abzubauen, indem ich Aspekte des Lebens aus der Sichtweise eines Hochbegabten schildere.
Übrigens, sehr empfehlenswerter Roman: John Brunner, Der Schockwellenreiter. Primär Science Fiction, aus den 70ern des letzten Jahrhunderts. In gewisser Hinsicht aber durchaus auch metaphorisch auf die Art, wie Hochbegabte mit unserer sich rasend schnell entwickelnden Informationsgesellschaft umzugehen gelernt haben.