Wie heißt es so schön?
Es gibt Tage, da verliert man, und an den anderen gewinnen die anderen…
So einen Tag habe ich heute offenbar erwischt. Denn der gute Herr Murphy, dem man ja auch sonst allerhand nachsagt, muss heute offenbar reichlich seine Finger bei der Deutschen Bahn im Spiel gehabt haben (zumindest hoffe ich das für die Bahn).
Eigentlich war die Aufgabe ganz einfach - steige in Dortmund in den ICE nach Düsseldorf, steige dort um in den Anschluss-ICE nach München, verlasse diesen Zug um 17 Uhr in Nürnberg, um dort eine Regionalbahn ins lauschige Ochenbruck zu besteigen; überwinde die letzten anderthalb Kilometer ans Ziel dann idealerweise mit einem vor Ort wartenden Taxi, checke im Hotel ein und lass den lieben Gott (oder was auch sonst immer der werte Leser bevorzugen mag) einen guten Mann sein.
Der olle Herr Murphy (oder die Bahn, man mag es sich aussuchen) fand dies offenbar zu wenig anspruchsvoll, also musste der Schwierigkeitsgrad wohl gesteigert werden. Zwar waren der ICE in Dortmund und in Düsseldorf jeweils noch pünktlich, ab D’dorf muss der alte Mann in seinem Grab (oder der Herr Mehdorn, man weiss es ja nicht genau) aber mitbekommen haben, dass da eine Zugverbindung drohte zur vollen Zufriedenheit ihrer Fahrgäste quer durch die Republik zu rollen - also schnippte er kurz mit dem Finger, um eine Lawine von einander verfolgenden Problemchen ins Rollen zu bringen.
Zunächst gab es zwischen Köln und Frankfurt ein Problem mit einer Signalanlage, was uns einige Minuten Wartezeit in Montabaur einbrachte. Das Warten bekam dann dem Zug wohl nicht, jedenfalls hieß es anschließend, in Frankfurt müßten alle Fahrgäste raus, um am gegenüberliegenden Gleis in einen Ersatzzug umzusteigen - damit war dann auch meine Platzreservierung in Herrn Murphys Allerwertestem angelangt, von weiterer Verspätung mal abgesehen.
Später verfielen dann einige Personen auf die famose Idee, das Gleiswerk als Fußweg zweckzuentfremden. Da man sich wohl außerstande sah, das Hindernis einfach plattzurollen oder durch den grünuniformierten Staatsapparat beseitigen zu lassen, wurde “mein” Zug kurzerhand über die sogenannte “alte” Strecke Richtung Würzburg umgeleitet, was weitere Zeit kostete. Wiederum einige Zeit später erging die Durchsage, ein eventuell an Bord befindlicher Arzt oder Sanitäter möge zwecks Ersthilfe in Wagen 26 eilen (die mich umgebenden Fahrgäste mutmaßten, dass ein anderer Fahrgast ob des Ärgers über die sich summierenden Verspätungen einen Herzanfall erlitten hatte). Der nächste erreichbare Minibahnhof erfreute sich anschließend der zweifelhaften Prominenz, zwecks umfassender Rettungsmaßnahmen an jenem Fahrgast außerplanmäßige Zwischenstation für ICEs zu werden. - Fürs Protokoll: der Mann, der sich ausgerechnet meinen Zug zum Sterben ausgesucht hatte, konnte da sicher nichts für, insofern bin ich ihm auch nicht gram. Der Gast hätte es sicher ebenfalls bevorzugt, gesund und munter sein Reiseziel zu erreichen.
Durch die erreichte summierte Verspätung von knapp 25 Minuten hatte dann auch mein an sich großzügiger Puffer in Nürnberg keine Chance mehr, mir das Erreichen der Regionalbahn zu ermöglichen, also hatte ich dann die Gelegenheit, den Service für Corporate-Kunden im Kundencenter zu testen (da Ochenbruck nämlich auf den Fahrplänen nirgends ausgeschildert war, konnte ich anders nicht ermitteln, welche spätere Verbindung sich angeboten hätte).
Und zum krönenden Abschluss, schließlich in Ochenbruck angelangt, natürlich weit und breit kein Taxi aufzufinden, also standen mir schlussendlich noch anderthalb Kilometer Fußmarsch mit Gepäck ins Haus.
Ihr seht, Murphy hatte alle Hände voll zu tun und sicherlich einen Riesenspass dabei. Die Alternative, dass diese Sorte Chaos bei der Bahn Alltag ist, gefällt mir jedenfalls wesentlich weniger (und ich habe die Befürchtung, genau das ist der Fall). Mit solchen Katastrophen sollte die Bahn jedenfalls dringend von ihren Ambitionen eines Börsengangs Abstand nehmen. Jedes echte privatwirtschaftliche Unternehmen, das sich ein solches Tohuwabohu leistet, ist jedenfalls ruckzuck weg vom Fenster. Gut, auf der anderen Seite können sich Firmen wie die amerikanische AIG sogar Jahresverluste von über 100 Mrd USD leisten - das is jedoch eine Finanzklitsche.
Zugegeben, das Personal an Bord (irgendwie habe ich heute ausschließlich Schaffnerinnen gesehen) war stets freundlich und hilfsbereit, und bei jeder neuen Hiobsbotschaft kam wieder eine der Damen mit einem Korb Süßigkeiten durch den Wagen marschiert, und auch die Dame am Schalter in Nürnberg hat mir unverzüglich geholfen. Wenn ich mich jedoch in einige meiner Mitfahrgäste versetze, die zumindest ihren Anzügen nach zu urteilen vorgaben sehr wichtige Menschen zu sein, dann entschädigen auch leckere Ferrero Roché nicht dafür, einen wichtigen Geschäftstermin zu verpassen.