Derzeit grassiert in Deutschland und den Anrainerstaaten mal wieder der Wahnsinn. Genauer: der Lotto-Wahnsinn.
Weil im deutschen Lottoblock in der Spielvariante “6 aus 49″ seit nunmehr elf Ziehungen (also seit August) niemand mehr 6 Richtige plus richtiger Superzahl mehr getippt hat, ist der Jackpot auf historisch bisher nie dagewesene 35 Millionen Euro angewachsen. Das führt offenbar zu gravierenden Auswirkungen auf die Funktionstüchtigkeit der zerebralen Grundfunktionen, neudeutsch auch gesunder Menschenverstand genannt, und so spielen sich Deutschland und halb Benelux nun schon seit Wochen um Kopf und Kragen.
Dabei sind die Chancen auf einen Volltreffer geringer als auf offener Straße aus heiterem Himmel von einem Blitz getroffen zu werden. Konkret bedeutet das, die Chance auf 6 Richtige mit Superzahl liegt bei exakt 1 zu 139.838.160.
Wie kommt diese Zahl zustande? Darum machen sich die wenigsten Spieler Gedanken, und darum sei das der Vollständigkeit halber hier noch einmal minutiös vorgerechnet. Lotto ist stochastisch betrachtet ein sogenanntes “Ziehen ohne Zurücklegen”, eine Zahl kann also nur ein einziges Mal pro Auslosung gezogen werden. Daraus folgt, daß für die Ziehung der ersten Zahl 49 Möglichkeiten bestehen, für die zweite nur noch 48, die dritte 47 und so weiter.
In der Summe bedeutet das also, daß es insgesamt
49 x 48 x 47 x 46 x 45 x 44 Möglichkeiten,
also etwa 1,006835 * 10 hoch 8 verschiedene Spiele. Wenn man sechs richtige Treffer erzielen will, bedeutet das, daß man eine aus
6 x 5 x 4 x 3 x 2 x 1 = 720
verschiedenen Permutationen der jeweiligen Ergebnismengen exakt treffen muss. Also muss diese utopisch große Zahl da oben durch 720 geteilt werden, und heraus kommt exakt 13.983.816. Da aber nur auf jedem zehnten Lottoschein die richtige Superzahl (Endziffer der Losnummer) aufgedruckt ist, muss man diese Chance nochmals durch zehn dividieren, und so kommt diese aberwitzig geringe Wahrscheinlichkeit auf einen Volltreffer zustande.
Umgekehrt liegt einer hübschen Tabelle bei wikipedia zufolge die Chance auf einen Totalverlust des Spieleinsatzes bei sage und schreibe 98,1 Prozent.
Übertragen wir dies auf die Bevölkerungsstärke unserer nicht mehr ganz so schönen Republik, müßte buchstäblich jeder Bundesbürger, egal welchen Alters, im Schnitt 1,70 Lottoreihen spielen, damit zumindest statistisch sichergestellt ist, daß es einen Gewinner gibt. Daß das trotzdem daneben gehen kann, haben ja die vergangenen elf Ziehungen deutlich genug belegt.
Obendrein ist es manchmal überhaupt nicht erstrebenswert mit einem Schlag an solchen Reichtum heranzukommen. Nämlich immer dann, wenn sich die Fähigkeit mit Geld umzugehen stark reziprok zum Glück verhält. Das mag auch etwas mit (sozialer) Intelligenz zu tun haben, denn zumindest aus Deutschland, wo die Lottoberater den Gewinnern dringend raten das Geld sicher anzulegen und den Reichtum nicht in die Welt hinauszuposaunen sind solche Horrorgeschichten eher unbekannt.
Angesichts des riesigen Jackpots darf dieses Wochenende mit einem Spieleinsatz von insgesamt rund 100 Millionen Euro gerechnet werden. Das freut Vater Staat (denn für die Konzession und die Glücksspielsteuer wandern rund 42 Prozent in Steinbrücks Taschen) und die Gewinner der niedrigeren Gewinnklassen (da genau die Hälfte der Einsätze auch wieder nach dem Totalisatorprinzip ausgeschüttet wird, verbessert sich auch die Quotierung für die niedrigeren Gewinnklassen.
Das Irrsinnigste dieses Lottofiebers ist aber, daß alle Welt wie bescheuert in die Lottoannahmestellen rennt und dabei durch vergeudete Zeit einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht. Wie viel einfacher ist es doch, einfach und bequem von der heimischen Couch aus per Internet zu spielen? Aber das scheint sich in größeren Bevölkerungskreisen ebenfalls noch nicht herumgesprochen zu haben.
Kommen wir zu einer kleinen Spekulation: sollte trotz der deutschen Tippwut der Jackpot auch bis zum 14. Oktober nicht geknackt werden, muss der Jackpot in der darauf folgenden Ziehung am 18. Oktober 2006 auf die Gewinnklasse 2 (Sechs Richtige ohne Superzahl) verteilt werden. Damit bleibt dann zwar pro Gewinner weniger übrig, dafür darf sich dann gleich ein größerer Kreis von Gewinnern über plötzlichen Reichtum freuen. Und ich fürchte, daß genau das den Lottowahnsinn dann zum Überkochen bringen wird, weil sich die Gewinnchancen mit einem Mal “verzehnfachen”.
(Der Autor dieses Posts hat heute nacht das erste Mal seit mehr als zehn Jahren ebenfalls zwölf Reihen gespielt
)
4 Kommentare
1 Ping
Media Addicted sagt:
07.10.2006 von 10:22 (UTC 0 )
Warum bist du eigentlich ITler und nicht Statistiker oder Ökonom geworden? LOL. Ich versuche auch seit Tagen, meine durchdrehende Umwelt zu bekehren, aber das ist wohl vergebliche Liebesmüh. Wenigstens ist eines wahr: der Erwartungswert eines Gewinns dürfte -wenn auch nur geringfügig- steigen
CountZero sagt:
07.10.2006 von 13:02 (UTC 0 )
Lol, du wirst lachen, ich habe wirtschaftsinformatik studiert
also war ein nicht unerheblicher teil des studiums mit statistik und BWL belegt
statistik fand ich langweilig (bin auch in der uni kaum in die vorlesungen gegangen, sondern habe stattdessen “einfach mal so aus langeweile” im zweiten semester die klausuren geschrieben) und in der regel an den haaren herbeigezogen (“trau keiner statistik, die du nicht selbst gefälscht hast” war schon in der oberstufe mein motto in sowi – damit habe ich meine lehrer schon damals zur verzweiflung getrieben).
reine BWL hat mir auch nie gelegen, daher habe ich stets etwas mit IT-bezug bevorzugt
ich hoffe ja, der wahnsinn nimmt heute abend ein ende, wenn die 35mio-blase endlich platzt. das ganze erinnert mich nämlich schon recht unangenehm an die dotcom-blase zur jahrtausendwende, und den zustand müssen wir nicht erneut haben.
ad sagt:
07.10.2006 von 21:01 (UTC 0 )
Höhö, ich habe und schreibe EINEN Richtigen (bei 4 Kästchen).
Gestern habe ich bzgl. der Wahrscheinlichkeit einen schönen Vergleich gesehen: wenn man auf der 1400 km langen Strecke von Berlin nach Nizza irgendwo einen Pflock am Rand der Strasse aufstellt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der dessen Standort nicht weiss, und ihn mit einer während der Fahrt zufällig aus dem Fenster geworfenen Münze trifft, ebenso groß.
CountZero sagt:
07.10.2006 von 23:05 (UTC 0 )
komme grad aus dem kino und habe mal nen blick in meine lottozahlen geworfen – ich hab tatsächllich ein bisschen glück gehabt und immerhin einen dreier mit zusatzzahl rausgeholt. das dürfte immerhin rund das doppelte meines einsatzes wieder einspielen
bei supersechs hab ich nen dreier knapp verpasst, die vorletzten beiden ziffern sind richtig, aber leider die letzte nicht. so gesehen für einen lottogegner (irgendwo hab ich “dummensteuer” gelesen) gar nicht mal so übel
Testfall Glückssträhne | 4null4.de - Sarcasm's paradise sagt:
01.11.2006 von 13:53 (UTC 0 )
[...] Wie ihr ja wisst, hatte ich mich ja während der Jackpot-Euphorie hinreißen lassen, ebenfalls ein paar Reihen zu spielen. Und wie ihr ebenfalls wisst, war ich dabei auch noch erfolgreich und konnte auf einen Schlag Drei Richtige mit Zusatzzahl “abräumen” (das ist die Übertreibung des Jahres). [...]