Zur Abwechslung heute mal wieder ein deutschsprachiger Artikel
Robert Basic schreibt durchaus nicht unerfreut von der “neuen” Preissuchmaschine YOPI (absichtlich keine Verlinkung hier), und schon hagelte es beim Lesen seines Posts ein Blitzgewitter in meinen Synapsen, denn ein übermächtiger Erinnerungsschub zwang mich dazu, in die Tasten zu hauen und den von Robert implizierten Eindruck, Yopi sei etwas Neues, wieder gerade zu rücken
– Denn Yopi ist alter Wein in neuen Schläuchen, und ich rede hier nicht von einem guten Wein, sondern eher von nem billigen Pizzeria-Lambrusco, den es bei der Familienbestellung gratis dazu gibt (dass man den besser nicht trinkt, sondern lieber als Frostschutzmittel für die Scheibenwischwasser-Anlage im nächsten Winter aufbewahrt, lassen wir hierbei mal außen vor).
Ich hieb also in die Tasten und verfasste einen meiner legendären Kommentare, die länger werden als der Post, auf den ich mich im Kommentar beziehe, und weil ich ja ein faules Stück bin, zitiere ich mich hier einfach mal selbst:
Naja, “neu” ist wohl stark übertrieben – es sei denn du beziehst das auf den dreihundertachtundzwanzigsten Relaunch des Anbieters. Yopi, DooYoo, Ciao und Co. gibt’s/gab’s schließlich schon seit Jahren – und Yopi zählte seit jeher zu den eher unbeliebten Seiten dieser Gattung (das nannte sich um die Jahrtausendwende “Meinungsplattformen”), denn massenweise Spam, Abkupfern, ein extrem undurchsichtiges Provisionsmodell und kaum zu erreichende Betreiber waren dem Ruf nicht gerade dienlich. Insbesondere wenn man bei der damals sehr angesehenen und hochetablierten Konkurrenz namens Ciao gut bewertete und viel gelesene Artikel veröffentlichte, konnte man ziemlich sicher sein, dass irgendein Spack bei Yopi den Artikel 1 zu 1 klauen würde, wenn man nicht selbst schnell genug einen Dupe reinstellte (und wehe, die Benutzernamen auf den verschiedenen Plattformen unterschieden sich! Das konnte schnell damit enden, dass man trotz Personenidentität auf einer der Plattformen unrechtmäßig angeschwärzt und gesperrt wurde).
Robert antwortete darauf, dass ihm das so gar nicht bewußt war, und weil mich das wiederum zu einer Antwort reizt, die wiederum sehr ausführlich ausfallen würde, schreibe ich doch am besten direkt einen eigenen Post dazu
Und wie der Teufel im Detail es nun einmal so will, kenne ich mich mit diesen “Meinungsplattformen” tatsächlich ziemlich gut aus.
Denn wie heißt es so schön? “Damals war ich jung und brauchte das Geld”
– Will sagen: ich habe den ganzen Scheiss (mal auf gut deutsch gesagt) von vorne bis hinten über einen mehrmonatigen Zeitraum ausprobiert, denn damals war ich noch Student und hatte – in der Nachbetrachtung erscheint es jedenfalls so – offensichtlich zu viel Freizeit. Wirklich gerechnet hat sich nicht eine einzige dieser ominösen Plattformen, gemessen an der für einen guten Artikel aufzuwendenden Zeit in Relation zum Return-on-Investment. Mit ähnlich gelagerten Artikeln (der Umfang dieses Posts kann hierzu als guter Maßstab herangezogen werden) holt man sich heute tausende Besucher in sein Blog und macht mit Adsense sicherlich mehr Kohle
Die Auszahlungsgrenze überschritten habe ich damals ausschließlich bei Ciao und einer kriminellen Plattform namens Hitwin, auf der man auch Wetten einstellen und abschließen konnte und anderes Gedöhns, das mit Meinungen und Verbrauchererfahrungen rein gar nichts zu tun hatte – kriminell waren die übrigens insofern, dass Hitwin niemals auch nur eine einzige Auszahlung gemacht hat – die waren also noch schlimmer als Yopi.
Bei DooYoo gab’s hingegen nie eine Auszahlungsgrenze, weil man da von jeher nur in diesen elenden “Webmiles” entlohnt wurde. Naja, da habe ich zumindest dauernd “besonders lesenswerte” Berichte abgegeben (das gab ein Krönchen und anfangs 100, später nur noch 50 Webmiles extra), was in kurzer Zeit einen erheblichen Punktebonus brachte. Und eine Zeit lang waren die Webmiles-Prämien durchaus nicht uninteressant, das ging also auch noch.
Bei Yopi dagegen brauchte man entweder ein Jahrhundert oder aber genügend viele Fake-Accounts, um jemals die Auszahlungsgrenze zu überschreiten, denn weil da ja so viele Vollpfosten unterwegs waren, dass du kaum einen vielgelesenen und gleichzeitig gut bewerteten Artikel hinbekamst, war da jegliche Mühe auf schnellen “Reichtum” ziemlich fruchtlos.
Was lernen wir daraus? Diese Meinungsplattformen kann man wahrscheinlich als sehr frühe “Web 2.0″-Pre-Alpha-Versuchsballons bezeichnen, da sie erstmalig die Besucherschaft einer kommerziellen Website eines kapitalistisch orientierten Unternehmens in umfangreichem Ausmaß zu faktisch nahezu kostenloser Sklavenarbeit motiviert haben. Wenn man nicht völlig onlinesüchtig war, war außerdem kein Blumentopf zu gewinnen (denn ohne selbst massiv zu lesen, zu bewerten und zu kommentieren bekam man umgekehrt auch nix rein – das ist allerdings selbst heute bei den Blogs nicht viel anders
), und alles in allem betrachte ich diese Art Plattformen daher als (aus Betreibersicht) gelungene Volksverarsche.
Insofern sind Ciao und Co. also dafür mitverantwortlich, weshalb ich von Diensten wie Flickr und Del.icio.us nicht wirklich viel halte, denn hierbei handelt es sich ebenfalls um Unternehmen mit Gewinnstreben (was an sich nichts verwerfliches ist), die ihre Nutzer die ganze Arbeit machen lassen und dafür im Gegenzug eigentlich praktisch nichts zurückgeben und einen aus meiner Sicht durchaus fragwürdigen Nutzen haben. Schlimmer noch fand ich aber schon damals bei meiner “Feldstudie” den Umstand, dass die Meinungsplattformen nicht weit von diesen elenden Kundenkarten wie Payback und Co. entfernt sind, da die Plattformen durch die ganzen “Erfahrungsberichte” (mindestens die Hälfte davon war eh stets gefaked, behaupte ich mal) und den Sich-gegenseitig-Lesen-und-Bewerten-Marathon in kurzer Zeit seeeehr detaillierte Nutzerprofile mit den besonderen Vorlieben und Abneigungen dieser Nutzerschaft erstellen konnten – und damit werbend auf die Suche nach Unternehmen gegangen sind, die ihnen diese Profile abkauften.
Das wiederum ist exakt das gleiche Prinzip, mit dem die Bauernfängerei mit Payback und Co. vonstatten geht – und die breite Masse der dummen Herde namens “Volk” fällt drauf rein und freut sich ein zweites Loch in den Allerwertesten, wenn es bei Real mal wieder dreifache (und natürlich in den Arikelpreisen unauffällig eingepreiste) Prämienpunktezahl gibt.
Quintessenzen?
- Web 2.0 ist gar nicht so neu wie immer alle tun, Websites mit sozialen Netzwerken gibt es schon seit der Jahrtausendwende.
- Die meisten der damaligen Meinungsplattformen haben nicht lange überlebt, sondern sind in der Dotcom-Krise über die Klinge gesprungen, weil die Investoren kalte Füße bekommen haben – hätten sie durchgehalten und den jetzigen Web 2.0 Hype von Anfang an mitgemacht, sähe die Unternehmenslandschaft heute wahrscheinlich ein bißchen anders aus.
- Die Idee, die Benutzer für geringstmöglichen Gegenwert für den Content sorgen zu lassen, ist ein ziemlich alter Hut, der nun durch AJAX und eine kräftige Portion Bullshit-Bingo als brandneue Idee wiederverwertet wird.
Zurück zum Anfang dieses Mammut-Artikels: Yopi ist ein Relikt aus der Frühphase der Social Platforms (und dummerweise auch noch eines derjenigen mit der damals höchsten Vollidioten-Quote) und mitnichten eine neue Idee – neu ist mir nur die Info gewesen, dass sie sich nun Preissuchmaschine schimpfen.
Und wenn ich nach günstigen Preisen suche, dann in aller Regel, weil ich mich für die Anschaffung irgendeines üblicherweise hochpreisigen Hightec-Produktes interessiere – und dafür verwende ich geizhals.at und mache um Auswüchse wie Yopi einen großen Bogen
.
1 Kommentar
caliper sagt:
12.03.2006 von 05:50 (UTC 0 )
*Lol* Jahre spaeter die Einsicht. Sorry, der Seitenhieb musste sein